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Gesundheit ist mehr als ein Kostenfaktor

 

Gesundheitsausgaben werden häufig als Kosten betrachtet, dabei sind sie eine wichtige Investition in Wirtschaftskraft und gesellschaftliche Stabilität. Doch wie kann das Gesundheitssystem effizienter, nachhaltiger und präventiver ausgerichtet werden?

Im Interview erläutert Dr. Sandra Zimmermann, Head of Scientific Dialogue, WifOR Institute, warum ein grundlegender Perspektivwechsel notwendig ist, welche Rolle Prävention und datenbasierte Steuerung spielen und weshalb Digitalisierung allein nicht ausreicht, um die Finanzierung langfristig zu sichern.

 

medhochzwei: Frau Dr. Zimmermann, welche Finanzierungs- und Versorgungsstrukturen müssen Ihrer Meinung nach als erstes angegangen werden, um schnell zu positiven Veränderungen zu führen?

Zimmermann: Aus meiner Sicht gibt es hier verschiedene Möglichkeiten, die zusammen gedacht werden sollten. Konkret wäre hier vorstellbar, dass wir erstens die Finanzierungslogik ändern müssen: Gesundheit darf nicht länger primär als Kostenfaktor betrachtet werden. Gesundheitsausgaben erzeugen neben gesundheitlichen auch erhebliche volkswirtschaftliche und arbeitsmarktrelevante Renditen. Eine stärkere Ausrichtung an Wirkung und Nutzen würde Investitionen gezielter lenken. Zweitens braucht es eine konsequente Stärkung von Prävention und Früherkennung. Hier liegen die größten Effizienzpotenziale, weil Krankheiten vermieden werden, bevor überhaupt Kosten entstehen.

Ein Beispiel: Kardiovaskuläre Erkrankungen verursachen in Deutschland hohe Gesundheitsausgaben (im Jahr 2023 fast 65 Mrd. Euro), daneben entstehen aber auch noch Produktivitätsverluste für die deutsche Volkswirtschaft von über 23 Mrd. Euro. Eine gezielte Präventionsförderung, gerade bei vermeidbaren Krankheiten, ist daher nicht nur als gesundheitlicher Perspektive unerlässlich. Drittens sollten wir die Versorgung datenbasierter und integrierter steuern. Das heißt: Sektorengrenzen überwinden und Ressourcen dort einsetzen, wo sie nachweislich den größten gesundheitlichen und ökonomischen Effekt haben.

medhochzwei: Sie sind Autorin, Dozentin, Ökonomin und Head of Scientific Dialogue am WifOR Institut. Was machen Sie in dieser Rolle und wie setzen Sie ihren Erfahrungsschatz als Makroökonomin für die Reform des Gesundheitswesens ein?

Zimmermann:  Da ich keine klassische Gesundheitsökonomin, sondern eine Arbeitsmarktökonomin bin, habe ich zum Teil einen anderen Blickwinkel auf die Diskussion. In meiner Rolle versuche ich Gesundheit als strategische Investition und nicht als Kostenfaktor zu positionieren. Hierbei ist es wichtig mit Akteurinnen und Akteuren außerhalb der Health Bubble in den Dialog zu kommen, um sektorübergreifende Reformen voranzutreiben – denn Gesundheit ist ein ganzheitliches und kein isoliertes Thema. Besonders wichtig ist es mir immer wieder zu betonen, dass wir uns Krankheit nicht mehr leisten können – weder persönlich noch aus volkswirtschaftlicher Perspektive.

medhochzwei: Das Krankenhausanpassungsgesetz (KHAG ) ist vom Bundestag verabschiedet und wird wohl auch den Bundesrat passieren, so dass es in die Umsetzung der Krankenhausreform gehen kann. Wie schätzen Sie die Wirkung und den Erfolg dieser Reform aktuell ein?

Zimmermann: Gerade passiert wahnsinnig viel im Gesundheitsbereich – neben dem KHAG warten wir ja auch gerade auf die Ergebnisse der Finanzkommission Gesundheit. Es ist richtig und wichtig, dass Reformen angestoßen werden. Wenn wir es aber nicht schaffen unsere Sichtweise auf Gesundheit nachhaltig zu ändern, denn aktuell ist unser Gesundheitssystem ja eher ein „Reparaturdienst für Krankheiten“, dann werden wir immer nur Symptome, aber keine Ursachen behandeln.

medhochzwei: Was muss getan werden, um die Beitragssätze für Versicherte zu stabilisieren?

Zimmermann: Auch hier gibt es natürlich verschiedene Hebel. An dieser Stelle möchte ich jedoch nochmal auf den Zusammenhang von Gesundheit und Arbeitsmarkt hinweisen. Gesundheit ist die Basis für das „Funktionieren“ unserer Volkswirtschaft, daher ist Prävention und Gesunderhaltung auch so elementar wichtig und das ist eben die Basis für (fast) alles.

medhochzwei: Welche Länder sind Deutschland in der Finanzierung der Gesundheitsversorgung einen Schritt voraus und was könnten wir uns von diesen abschauen?

Zimmermann: Hier lohnt sich ja fast immer ein Blick in die skandinavischen Länder oder die Schweiz. Es geht aber nicht darum ein gesamtes System zu kopieren, sondern sich vielmehr gezielte Aspekte anzuschauen und ggf. zu kombinieren. Aktuell haben wir ja in Deutschland mit die höchsten Gesundheitsausgaben innerhalb der EU, aber bei weitem nicht den besten Gesundheitsoutcome. Es geht also primär nicht darum mehr in Gesundheit zu investieren, sondern smarter und effizienter.

medhochzwei: Das Motto des Heidelberger Forums Gesundheitsversorgung ist dieses Jahr „Auf Gesundheit setzen – digital, nachhaltig und partnerschaftlich!“. Kann die Digitalisierung die Finanzierung des Gesundheitssystems nachhaltiger machen?

Zimmermann: Digitalisierung kann durchaus helfen Effizienzreserven zu heben und Prozesse zu vereinfachen. Darüber hinaus kann es zu einer Entlastung der Arbeitskräftesituation im Gesundheitsbereich führen. Sie alleine wird aber nicht reichen, um die Finanzierung nachhaltiger zu machen, sondern sollte als ein Mosaikstein der Lösung gesehen werden.

medhochzwei: Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Dr. Sandra Zimmermann, Head of Scientific Dialogue, WifOR Institute

Autorin, Dozentin, Expertin für Arbeitsmarktforschung und Gesundheitswirtschaft: Dr. Sandra Zimmermann ist Head of Scientific Dialogue bei WifOR und Teil des Managementteams. Sie hat mehr als 15 Jahre Erfahrung in der angewandten Wirtschafts- und Sozialforschung und macht sich stark für eine inklusive, gesunde und innovative Gesellschaft.

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