Rückblick 2020

Veranstaltungsbericht:

3. Heidelberger Forum Gesundheitsversorgung: Gesundheit und Pflege im Spiegel der Reformen - alles auf einem guten Weg?


Von Rolf Stuppardt

Versorgung noch zu wenig integriert, Patienten nicht im Fokus

Breiter Querschnitt wichtiger Repräsentanten des Gesundheitswesens beleuchtet Zwischenbilanz der Gesundheitsreformen beim 3. Heidelberger Forum Gesundheitsversorgung am 14. Februar 2020

Mehr Mut zur Gestaltung von Versorgung und mehr Kooperation miteinander, Durchlässigkeit und Vernetzung wie die Schaffung einer praktisch tragfähigen sektorenübergreifenden Versorgung sind wichtige Zielstellungen. Wettbewerb müsse auf Qualität, Effektivität, Evidenz und Sicherheit der Versorgung gerichtet sein, Entscheidungen müssten schneller und friktionsfreier getroffen werden und Patienten stärker in den Fokus rücken.

Heidelberg/Berlin, 17.2.2020. Maßgebliche Akteure des Gesundheitssystems diskutierten am Freitag, den 14. Februar 2020, auf Einladung des medhochzwei Verlags und der Welt der Krankenversicherung, eine Zwischenbilanz der Gesundheitsreformen im Rahmen des 3. Heidelberger Forums Gesundheitsversorgung hoch über den Dächern Heidelbergs. Zwanzig Gesetze, die in zwanzig Monaten auf den Weg gebracht worden sind, stünden zwar quantitativ für eine beeindruckende Zahl, sagten aber für sich noch nichts über die Stringenz der Regelungsqualität aus. Eine ordnungspolitische Linie sei weitgehend nicht erkennbar, dennoch würden viele Dinge richtig angeschoben.

Digitalisierung als Lern- und Erprobungsfeld für alle, Qualitätsvergleiche schaffen, das waren wichtige Kernaussagen im Einführungsvortrag von Dr. Hans Unterhuber, Vorstandsvorsitzender der SBK. Herausforderung bleibe aber, dass die elektronische Gesundheitsakte ein nützliches Gesundheitsportal wird. Ein deutliches Bekenntnis zum Qualitätswettbewerb fehle in den Gesetzen. Preiswettbewerb und Wettbewerb um Finanzen dominiere nach wie vor und würde durch den Morbi RSA verschärft. Auch müssten Qualitätsvergleiche von Krankenkassen geschaffen werden.

Eine ordnungspolitische Strategie in den Reformen sei nicht erkennbar, so Dr. Gerald Gaß, Präsident der DKG. Über Regulierungen würde weiter Misstrauen gesät und versucht, einen kalten Strukturwandel durchzusetzen. Scharfe Kritik übte er am bisherigen Konzept der Integrierten Notfallzentren. So würden ambulante Notfälle nicht korrekt erkannt, auch vom Bürger selbst nicht. Das Konzept müsse für den Krankenhausbereich gründlich überarbeitet werden.

Hausärztliche Koordinationsfunktion sei wirkungsvoll, vertrat die Hausärztin Marianne Difflipp-Eppele aus dem Vorstand des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg eine Gegenposition. Hausärzte könnten beurteilen, was ein Notfall ist und in Baden-Württemberg würden die integrierten Notfallpraxen gut arbeiten.

Koordinierte Komplexversorgung wichtig, Apps müssen Qualität nachweisen, hebt Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer hervor. Auch die Digitalisierung in der Psychotherapie sieht Munz grundsätzlich positiv, unterstreicht jedoch die Notwendigkeit der Qualität und Evidenz von Apps.

Solidarische Neuausrichtung der Pflegeversicherung ist erforderlich, so Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK Gesundheit, da die derzeitigen Wirkungen der Pflegeoffensive überwiegend zu finanziellen Lasten der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen gehen würde.

Neuordnung der Leistungen für häusliche Pflege erleichtert Zugang zu Leistungen, so der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Staatssekretär Andreas Westerfellhaus. Daher schlägt er eine Neuordnung der Leistungen für die häusliche Pflege vor, um den Zugang zu Leistungen zu vereinfachen und Inanspruchnahme individuell zu flexibilisieren.

Prioritäten und schnellere Entscheidungen im Willensbildungsprozess bei Innovationen seien für die Perspektive der Industrie nach Auffassung von Markus Nass, Director Market Access bei Abbott zentral. Es müssten Prioritäten im Willensbildungsprozess bei Innovationen geschaffen werden.

Patienten immer noch nicht im Mittelpunkt. Die langjährige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Hedwig François-Kettner, stellte fest, dass die Patienten immer noch nicht im Mittelpunkt stehen würden. Die Pflege-Selbstverwaltung müsse bundesweit etabliert werden. Die Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen an medizinische und pflegerische Fachpersonen müsse übertragen werden. Gestärkt werden müssten Pflegewissenschaft und -forschung.

Mehr Patientenpartizipation ermöglichen. Das Denken aus der Patientenperspektive sei unterentwickelt, so Birgit Fischer, ehemalige Gesundheitsministerin aus NRW, und es müsse mehr Patientenpartizipation ermöglicht werden. Das Lernen in Netzwerken müsse befördert werden.

Innovative Gesundheitszentren in Regionen umsetzen, darauf fokussierte Dr. Bernadette Klapper, Leiterin des Themenbereichs Gesundheit der Robert Bosch Stiftung. Mit PORT – Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung – werden durch die Stiftung Pioniere gefördert, die innovative Gesundheitszentren in einer Region umsetzen wollen.

Neuausrichtung des Medizinischen Dienstes zeitgerecht umsetzen. Für Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes, weise die Reform des Medizinischen Dienstes in die richtige Richtung; sie werde inhaltlich und im vorgesehenen Zeitrahmen umgesetzt.
Für die Krankenhäuser stehe mehr auf dem Spiel, meint Prof Dr. Bernd Halbe. Die Unabhängigkeit des Medizinischen Dienstes stehe nur auf dem Papier, die Bürokratie würde zunehmen, die Strafsanktionen seien vergleichsweise überzogen, eine Entlastung der Sozialgerichte sei kurzfristig nicht erreicht und letztlich führe das Ganze seiner Meinung nach zu noch mehr Konfrontation.

Vernetzung muss über Versorgungsprozesse stattfinden. Das ist eine zentrale Aussage von Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft. Forschung dürfe nicht nach der Zulassung aufhören, eine wissensgenerierende onkologische Versorgung sei das Ziel von Innovationszentren in der Krebsversorgung.

Vom Ergebnis her denken, Versorgung entlang der Behandlungsketten entwickeln. Das ist eine der Botschaften, die der Minister für soziales und Integration des Landes Baden-Württemberg, Manne Lucha, in seinem Vortrag aufgegriffen hat. Lucha plädiert für Primärversorgungszentren. Es müsse mehr und bessere Begleitung von Patienten mit komplexen Versorgungsbedarfen geben. Auch sei mehr Transparenz erforderlich. Im Bund müsse mehr und besser koordiniert werden, Länder möchten gestalten.